FACES & SPACES MIT FRANK THIEL

Es war eine Mischung aus Zufällen, Neugier, Naivität, einer grossen Portion Dummheit und einer Prise Talent, die Frank Thiel zu dem machten, was er heute ist: ein Fotograf erster Liga.
Der Berliner ist bekannt für seine einzigartigen Reflexionen über die Stadtlandschaft Berlins, diesen städtebaulich-geistigen Flickenteppich des 20. Jahrhunderts. Exklusiv für uns hat er die Türen seines Refugiums geöffnet und uns damit ein Stück weit in sein Leben eintauchen lassen. Im Interview erfahrt ihr, was für den Künstler wahrer Luxus ist und warum eines seiner Top-Reiseziele Nigeria heißt.
Mehr Bilder und das ganze Interview gibt es nach dem Jump!
ASV: Was machst du als erstes wenn du morgens aufstehst?
FT: Ich versuche mich an ihren Namen zu erinnern.
ASV: Wann, wie und warum bist du Fotograf geworden ?
FT: Das war von mir niemals so geplant und ergab sich vor 20 Jahren aus einer nicht mehr rekonstruierbaren Mischung aus Zufällen, Neugier, Naivität, einer grossen Portion Dummheit und einer Prise Talent, was nicht heissen soll, dass ich meinen Beruf danach nicht lieben gelernt habe.
ASV: Was ist fuer dich Luxus?
FT: Ich bin mir bewusst, dass ich ein priviligiertes Leben habe, aber es ist ein in meinen Augen vollkommen unluxuriöses Leben. Wenn es so etwas wie Luxus in meinem Leben gibt, dann ist es vielleicht die Möglichkeit zu haben, nicht zu sehr nach den Vorstellungen Anderer „funktionieren“ zu müssen.
ASV: 5 Orte auf einer Weltreise – wo machst du Halt und warum?
FT: Lagos / Nigeria
Das frühere „Venedig Afrikas“ ist wahrlich kein populäres Reiseziel. Doch wie in einem Brennglas fokussieren sich in dieser von Hyperwachstum geprägten Stadt (die eher eine urbane Agglomeration als eine Stadt im uns vertrauten Sinn ist) die Probleme (eines Grossteils) der Menschheit. Versagen oder gar Abwesenheit von Staat und Verwaltung führen zur Entstehung informeller Strukturen in allen Lebensbereichen. Das Private wird zum Öffentlichen und umgekehrt. Dieser Aufgaben von Verwaltung und Staat übernehmende informelle Sektor ist gekennzeichnet von uns völlig unbekannter Kreativität und kultureller Vielfalt, was die unmenschlichen Zustände keineswegs entschuldigen kann. Selbst nach einem kurzen Aufenthalt in dieser zu vielleicht 80% aus illegalen Siedlungen bestehenden Stadt sieht man die eigene Existenz mit anderen Augen.
New York City / USA
New York ist New York da braucht man keine vielen Worte zu verlieren.
San Cristóbal de La Habana / Cuba
Orte inmitten von oder kurz vor fundamentalen gesellschaftlichen Veränderungen sind für mich immer interessant gewesen. Ausserdem hat jede wichtige Architekturepoche Meisterwerke in der Stadt hinterlassen. Es ist meine tiefe Überzeugung dass unsere Gesellschaften von den creolischen Kulturen der Karibik sehr viel lernen können wenn wir nur wollten und dass „hybriden“ Kulturen definitiv die Zukunft gehört.
Cartagena de Indias / Kolumbien
Das historische Stadtzentrum von Cartagena de Indias ist eine Reise um die halbe Welt wert.
São Salvador da Bahía de Todos os Santos / Brasilien
Die „Stadt des Erlösers an der Allerheiliigen-Bucht“ war die 1.Hauptstadt Brasiliens und wird von Europäern gerne als das „schwarze Rom“ bezeichnet. Aber nicht nur die an Porto und Lissabon orientierte Architektur Salvador’s ist eine Reise wert. Es ist die einzige Grossstadt Südamerikas in der die Bevölkerung mehrheitlich schwarz ist, was die Stadt auf einzigartige Weise geprägt hat. Wenn Carnival dann Salvador.
Kyoto / Japan
Vielleicht der beste Ort, um sich der Japanischen Kultur und Geschichte wenigstens ein wenig zu nähern.
Istanbul / Türkei
In vieler Hinsicht die mit Abstand spannendste Stadt in Europa.
ASV: 5 Dinge die in einem Kühlschrank nicht fehlen dürfen…
FT: frische Scotch Bonnet Chilis (aka Capsicum chinense)
Ackees (aka Blighia sapida)
Palmitos (aka Roystonea oleracea)
Aloe Vera
Guava (aka Psidium guajava) Jelly
Ginger beer
Spirulina Blaualgen Pulver
ASV: 5 Musik Alben die du heute noch auf CD kaufen würdest…
FT: Robert Nesta Marley & The Wailers – Catch a Fire
Sun Ra & His Myth Science Arkestra – Rocket Number 9 (retitled Interstellar Low Ways)
Lee ‘Scratch’ Perry & The Upsetters – Build The Ark
Junior Murvin – Police And Thieves
Stevie Wonder – Songs In the Key of Life
Scientist – Scientist Rids the World of the Evil Curse of the Vampires
Gil Scott-Heron & Brian Jackson – Winter In America
Roy Ayers – He’s Coming
ASV: 5 Dinge die du an Berlin liebst…
meine Freunde
grüne Pfeile für Rechtsabbieger
kulturelles Angebot
Bezahlbarkeit
die Flughäfen um schnell mal abzuhauen
ASV: 5 Dinge die dich glücklich machen…
FT: gute Musik, Bücher und Kunst
Reisen
Natur
Hilfsbereitschaft
Anteilnahme
Grosszügigkeit
die Fähigkeit zu Teilen
ASV: 5 Dinge die die Welt nicht braucht…
FT: Intoleranz
Eifersucht
Hegemonie
Gier
Neid
Überheblichkeit
ASV: Wo treffen wir Frank Thiel in 10 Jahren?
Auf dem Kinderspielplatz.
ASV: Wen würdest du gerne bei Faces N’ Spaces (so heisst diese Serie) sehen?
Philip Roth [Schriftsteller, USA], Derek Alton Walcott [Schriftsteller, Trinidad], Cormac McCarthy [Schriftsteller, USA], Edward P. Jones [Schriftsteller, USA], Oscar (Ribeiro de Almeida) Niemeyer (Soares Filho) [Architekt, Brasilien], David Lynch [Regisseur, Künstler etc., USA], Tim Walker [Photograph, UK] und und und
Das aktuelle Bildband gibt´s bei Amazon. Wir finden: Sehr empfehlenswert!
Interview: David Fischer, Fotos: Robert Wunsch, Text: Nike van Dinther
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Tags: Faces & Spaces, Fotograf, Fotografie Berlin, Frank Thiel, Interview




















