Mogg & Melzer, der kleine Deli in der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule in der Auguststraße ist ein weiterer Beweis, dass auch gastronomische Quereinsteiger erfolgreich sein können. Das Duo Oskar Melzer und Paul Mogg, die sich beide in der Club- und DJ-Szene einen Namen machten, betreiben seit Mitte des letzten Jahres gemeinsam ihre Interpretation eines jüdisch-amerikanischen Delis, eben das „Mogg and Melzer“. Vom lebensnotwenigen Kaffee am Morgen über einen kleinen Mittagssnack bis hin zum wohlverdienten Feierabendwein – im ersten Deli Berlins findet man zu jeder Tageszeit etwas Köstliches.
Noch ist das kleine Restaurant im Erdgeschoss des 1930er-Gebäudes nicht so bekannt wie das legendäre Katz Delicatessen in New York, aber sowohl Qualität als auch Authentizität der Gerichte kommen locker an das Original heran. Hinter dem Tresen der offenen, weiß gekachelten Küche werden die typisch jüdischen Gerichte wie Matzeballsuppe, Pastrami-Sandwich oder Shashukah zubereitet. Die Regale an den Wänden sind mit Wein- und Senfflaschen, koscherem Salz und Kaffeepackungen vollgestellt. Um dem Ganzen den perfektem Schliff zu verpassen, haben sich die zwei Männer den waschechten New Yorker Joey Passarella als Koch an Bord geholt. Er kennt Delis und Pastramis schon seit Kindheitsjahren – da dachte man hierzulande noch, dass ein Hot-Dog etwas mit dem Tier zu tun hat.
In dem kleinen Restaurant ist Platz für etwa 30 Gäste, die sich auf den lila gepolsterten Bänken und Holzstühlen breit machen können. Der Parkettboden, die dunkelbraun gewachsten Holztische von Tapiovaara und die mintfarbenen Wände verleihen dem Raum ein elegantes und durchgestyltes Flair. An dem Design ihres Restaurants haben Oskar und Paul gemeinsam gearbeitet – es sollte schlicht sein und an die Diner der Dreißiger erinnern. An den Wänden hängen Fotografien der Künstlerin Sharon Lockhart. Alte Lunchboxen von amerikanischen Arbeitern insziniert als Stilleben. Und an der Wand gegenüber der Küche, zwischen zwei Sitzbänken in einem Glaskasten, liegt ein ausgelatschter Converse Chuck Taylor von Oskar, den der Künstler Johannes Albers gestaltete. Moderne Kunst mit einer Portion Humor, das war den Betreibern wichtig.
Bis Oskar Melzer zum Gastronom wurde, hat er vieles angefangen, wieder abgebrochen, etwas Neues aufgebaut, um es dann doch wieder hinter sich zu lassen, damit er danach erneut etwas ganz anderes starten kann. Angefangen hat alles mit dem gesitteten BWL-Studium in London, dann ein längerer Ausflug in den Film-und Fernsehbereich Deutschlands mit Studium in München und Regieassistenz in Berlin. Seit knapp 20 Jahren lebt Oskar nun in Berlin und ist von Anfang an fest in der Kunst- und Partyszene integriert. Die Galerie „ffdw“, DJ-Sets im Hof der Kunst-Werke, der Club „Pogo“ , die Partyreihe F.U.N und dann das legendäre Weekend am Alexanderplatz. Ende 2011 kam dann aber der entscheidende Schritt: Er stieg als Besitzer des Weekend aus – er wollte etwas Neues starten und traute sich an die Gastronomie. Nebenbei arbeitet er immer noch als DJ und legt einmal im Monat „Hip Hop Only“ in der King Size Bar auf – mit dem Besitzer Boris Radczun ist er seit Jahren befreundet. Bei Bob Beaman in München spielt er House Music.
Paul Mogg war jahrelang international bekannter Electro/Techno-DJ. Gemeinsam mit Pablo Clement legte er als The Psychonauts in London, New York, Ibiza und Berlin auf. 2006 gründete er sein eigenes Label Supersoul Recordings. Er mixte Lieder von Tiefschwarz und anderen Interpreten und brachte unzählige Platten raus. Irgendwann wurde ihm die ganze Musik zu viel, er zog sich zurück und fand sich kurze Zeit später in der Küche des Grill Royal wieder. Nicht nur die Liebe zur Musik und zum Auflegen, sondern auch der Anspruch an gutes Essen hat die zwei Männer zusammengebracht.
Das Haus in der Auguststraße 11-13 wurde 1930 von dem Architekten Alexander Beer im Stil der Neuen Sachlichkeit gebaut. Kein Stuck an der Faßade, sondern gerade Linien, dunkle Backsteine und Stahlfenster. 1942 wurde die Schule unter dem Nationalsozialismus geschlossen. Während des Krieges diente das Gebäude als Krankenhaus, nach dem Krieg wurde die Schule als Berthold-Brecht-Oberschule wiedereröffnet. Nach langem Hin und Her schlossen die Türen der Schule 1996 endgültig. Die Jüdische Mädchenschule drohte zu verfallen – 10 Jahre lang wurde das Backsteinhaus ignoriert. 2006 wurde das Haus dann für mehrere kulturelle Events geöffnet und drei Jahre später vollständig an die jüdische Gemeinde Berlin überschrieben.
Heute dienen die 14 Klassenräume als Ausstellungsräume der drei Galerien: Michael Fuchs, CWC Gallery und Eigen + Art Lab. In der Turnhalle speist man unter einem 3 Meter langen Blindgänger im Pauly Saal. Deutsches Essen neu interpretiert von Stephan Langwehr und Boris Radczun, die bereits das Grill Royal leiten. The Kosher Classrom, das dritte Restaurant im Haus, bietet jeden Freitag ein Schabbat-Dinner im traditionell-religiösen Sinn an. Sonntags gibt es ein ausgiebiges Brunchbuffet mit typischen israelischen Gerichten wie Hummus, gefüllte Aubergine und frischem Minztee. Und eben das Mogg & Melzer. Hier haben wir vorbeigeschaut, uns von dem Cheesscake endgültig überzeugen lassen und Oskar zum Interview getroffen.
Zu dem Interview und den Bildern aus dem beschaulichen Deli geht es nach dem Jump.













